»Himmelsklang«

Hildegard von Bingen – Künstlerin und Komponistin

Leben und Werk

Hildegard, eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte unseres Volkes, wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren. Mit acht Jahren übergaben ihre Eltern sie zur Erziehung für das gottgeweihte Leben der Meisterin Jutta von Spanheim, deren Klause dem Benediktinerkloster auf dem Disibodenberg am Zusammenfluss von Glan und Nahe angebaut war.

Hier lernte Hildegard das Leben nach der Regel des hl. Mönchsvaters Benedikt kennen; sie wurde vertraut mit der Feier der Liturgie, dem gregorianischen Gesang, der Heiligen Schrift und den Werken der Kirchenväter. Das waren die geistigen Quellen, aus denen sie ihr ganzes Leben lang schöpfte. Im Alter von 17 Jahren entschied sich Hildegard freiwillig für das klösterliche Leben und legte die Ordensgelübde ab.

Nach Juttas Tod (1136) wählte die Gemeinschaft Hildegard zur Äbtissin. Schon bald wurde die Klause zu klein. Darum erbaute Hildegard unter großen Schwierigkeiten auf dem Rupertsberg bei Bingen ein Kloster, in das sie 1150 mit ihren Nonnen einzog. Im Jahre 1165 übernahm sie dazu das frühere Augustinerkloster in Eibingen bei Rüdesheim im Rheingau und gestaltete es in ein Benediktinerinnenkloster um, das sie auch selbst leitete.

Hildegard war von Kindheit an mit einer inneren „Schau“ begnadet, die sie stets wachen Geistes empfing. Fünfunddreißig Jahre lang lebte sie völlig unbekannt in der Abgeschiedenheit des Disibodenberges. Im Jahre 1141 brach Gott wie ein übermächtiges Feuer in ihr Leben ein. Der Auftrag Gottes erging an sie, der sie von nun an einfordern sollte: „Schreibe, was du siehst und hörst!“ Sie erschrak, zögerte aus Scheu und Menschenfurcht und erkrankte schwer.

Als sie mit der Niederschrift ihrer Visionen begann, kehrten ihre Kräfte zurück und sie wurde gesund. In den nun folgenden drei Jahrzehnten stand sie in ständigem Ringen, die Fülle des Geschauten in das Gewand der Sprache zu kleiden. Es entstanden ihre drei großen theologischen Werke „Scivias – Wisse die Wege“ (eine Glaubenskunde), „Liber vitae meritorum – Die Lebensverdienste“ (eine Lebenskunde) und „Liber divinorum operum – Buch der Gotteswerke“ (eine Welt- und Menschenkunde).

Aus ihrer einzigartigen Naturverbundenheit wurde sie zu einer weithin bekannten Heilkundigen. Ihr Wissen legte sie schriftlich in ihrer „Naturkunde“ und „Heilkunde“ (Physica und Causae et Curae) nieder.

Papst Eugen III. bestätigte auf der Synode zu Trier (1147/48) Hildegards Sehergabe. Von vielen Menschen wurde sie nun um Rat gefragt und hoch verehrt. Darüber hinaus übte sie, wie ihre Briefe bezeugen, einen weitreichenden Einfluss auf ihre Zeit aus; sie korrespondierte mit Päpsten, Bischöfen, Kaisern und Fürsten. Auf Gottes Geheiß unternahm sie trotz Alter und Kränklichkeit mehrere Reisen und hielt öffentliche Bußpredigten vor Klerus und Volk, unter anderem in den Städten Würzburg, Bamberg, Trier, Metz und Köln.

Aus Hildegards Schriften spricht nicht nur die außergewöhnliche Begabung für Philosophie, Theologie, Biologie und Medizin, sie zeigen auch ebenso sehr die natürliche Veranlagung für das Dichterisch-Musische dieser genialen Frau.
Damit kommen wir zu einem Phänomen, das in der Musikgeschichte einmalig dasteht: Hildegards musikschöpferische Tätigkeit. Diese ist ebenfalls in das Charisma der „Schau“ einzubeziehen.

Zu den Gesängen

Hildegard hat als einzige Frau des deutschen Mittelalters ein umfangreiches und in sich geschlossenes Musikwerk geschaffen, in dem sie kühn eigene Wege beschreitet. Sie umgreift darin ein für die damalige Zeit im Umbruch befindliches „modernes“ Tonalitätsempfinden – Dur und Moll – und schafft damit etwas Neues. „Weisen eines neuen Liedes“ nennt ein berühmter Zeitgenosse, Odo von Paris, diese Melodien.

Hildegards lebendige Beziehung zum Klang spricht aus all ihren Schriften. Klingender Jubel durchzieht vor allem die 13. Schau des 3. Buches ihres Scivias. Von großartiger Dynamik ist sie ganz von Licht und Klang durchtont. Aus diesem Licht hört sie auf wundersame Weise mannigfaltige Klänge, die in „harmonischer Einheit – in harmonia symphonizans“ das Lob der Heiligen kündet.

Die „symphonia“ gehört zu ihren Lieblingsworten. Hildegard bezeichnet ihre Gesänge als „Symphonie der Harmonie himmlischer 0ffenbarung – symphonia harmoniae caelestium revelationum“. Auch die „Seele des Menschen ist symphonisch – symphonialis est anima“. Dieses Wort, das die Grundverfasstheit des Menschen zum Lobe Gottes aussagen will, findet man an vielen Stellen ihrer Gesänge.

In ihrer Symbolik der Instrumente, die im Mittelalter nicht neu war, wählte Hildegard eine eigene und oft ungewohnte Deutung. Tonendes Symbol finden wir auch, wenn sie von der Vollendung des Kosmos, der Engel und des Menschen spricht (vgl. Antiphon Cum processit, Liederband [= LB] No. 8).
In ihrem berühmten Brief an die Mainzer Prälaten zeigt Hildegard Wesen und Bedeutung der Musik auf. Aus großer innerer Not stammen ihre Ausführungen über das Gotteslob, den Gesang und die Ausdrucksmöglichkeit der Instrumente. Denn über ihr Kloster war 1178 das Interdikt verhängt worden, weil Hildegard einen Edelmann auf ihrem Klosterfriedhof beisetzen ließ, der ohne öffentliche Aussöhnung mit der kirchlichen Behörde gestorben war.

Einige Monate vor ihrem Tode, im Alter von 81 Jahren, nahm die greise Äbtissin das Verbot auf sich, dass in ihrer Kirche das öffentliche Gotteslob unterbleiben musste. Sie kämpfte in diesem Brief um ihr Recht und fügt dann ihre Ausführungen über das Gotteslob und die Musik an (siehe: Hildegard von Bingen, Briefwechsel S. 235–241).

Hildegards Zeitgenossen hatten ein Gespür für die Leuchtkraft der rheinischen Seherin. Eines der frühesten Zeugnisse stammt von dem bereits erwähnten Magister der Theologie Odo von Paris, der schreibt: „Man sagt, dass du, erhoben in den Himmel, vieles siehst und Weisen eines neuen Liedes hervorbringst, obwohl du es nicht erlernt hast.“ Dieses tönende Werk, geschaffen von einer fast ständig kranken Frau, umfasst 77 Gesänge: Antiphonen, Responsorien, Hymnen, Sequenzen und das geistliche Singspiel „Ordo Virtutum – Spiel der Kräfte“.

In zwei größeren Handschriften sind die Gesänge als kostbares Erbe überliefert. Die ältere zeitgenössische ist vor 1175 in der Rupertsberger Schreibstube entstanden und befindet sich heute in der Abteibibliothek zu Dendermonde in Belgien. Die zweite umfangreiche Handschrift, der sogenannte Riesenkodex, Handschrift 2 der Hessischen Landesbibliothek zu Wiesbaden, entstand zwischen 1180–1190 ebenfalls in Hildegards Schreibstube.

Allgemein ist aus der Gestaltung der Gesänge die intensive Bezogenheit Hildegards zur Liturgie erkennbar. Von dort erhielt sie wesentliche Anregungen für ihre Gesänge, die auch in der Liturgie vorgetragen wurden, wie die Quellen berichten.
Gewiss wurde der Ordo Virtutum auf dem Rupertsberg gesungen, denn die Meisterin wollte damit ihre Mitschwestern erfreuen und anregen. Er setzt sich aus 85 Antiphonen zusammen, die meist schlichter gehalten sind als die übrigen Gesänge. Sein Grundgedanke ist das Stehen der Menschheit, der Kirche, des einzelnen Menschen im Entscheidungskampf zwischen Gut und Böse bis zur Endzeit.

Von umfassender Thematik ist Hildegards theologische Aussage in ihren Liedtexten. Gott und Welt, Schöpfung und Erlösung, Maria, die Engel und die Heiligen, vor allem aber das Mysterium der Menschwerdung sind einbezogen in die Dynamik ihrer dichterisch-musikalischen Schau.
Ein Blick in die erwähnten Handschriften zeigt, dass die feingeschwungene Choralnotation der Hildegard-Gesänge von der für das 12./13. Jahrhundert charakteristischen Form geprägt ist. Eine rhythmische Differenzierung ist nicht vorhanden.

Das Notenbild der Handschriften gleicht zwar ganz der gregorianischen Schreibweise, dennoch handelt es sich hier nicht um gregorianische Neuschöpfungen. Gregorianisierend ist diese Tonsprache, die den Musiker des 12. Jahrhunderts erkennen lässt, in dem neben dem römischen Choral auch die Volksmusik gepflegt wurde. Beides nimmt Hildegard als konstituierende Elemente in das Gestaltungsprinzip ihrer Musik auf.

Hildegard geht in ihrer Melodiegestaltung eigene Wege. Schon die Frage nach der Tonalität der Gesänge ist nicht immer eindeutig zu beantworten. Grundton und Oberquint spielen bei ihr eine beherrschende Rolle, so dass man von Tonika und Dominante sprechen kann, um damit ein Klanggefühl anzudeuten, das vom modalen in den tonalen Bereich übergeht.

In ihrem weitläufigen Tonumfang überschreitet Hildegard zumeist die der Gregorianik zugewiesenen Grenzen. Ein primäres Element ihrer Melodiegestaltung ist die Vorliebe für große Intervalle. Sie geben ihrer Musik oft eine herbe und ungestüme Kraft. Diesem ungewöhnlichen Tonumfang entspricht in vielen Gesängen eine starke Melismenfreudigkeit. Hildegard kennt keine strenge Motiv-Verarbeitung oder -Gliederung.

Ihre Melodien setzen sich zumeist aus kleinen Phrasen und Formeln zusammen. Dennoch ist bei ihr eine hochentwickelte Kunst der Variation festzustellen. Auch in der formalen Anlage der Kompositionen (Antiphonen, Responsorien usw.) fehlen weithin die Charakteristika der Gregorianik.

Unter den Antiphonen sind kurze mit bescheidenem Tonumfang anzutreffen, aber auch längere, die in ihrer reichen Melismatik die responsoriale Form annehmen. Den Responsorien ist ebenfalls eine große Mannigfaltigkeit in Bezug auf Tonumfang und Melismatik eigen.
In ihren Sequenzen verlässt Hildegard die symmetrische Anlage. Außer der typischen Folge von Versikelpaaren finden sich hier weder Anklänge an ältere noch an zeitgenössische Sequenzen.
Drei Gesänge tragen die Bezeichnung Hymnus. Mit dem gregorianischen Hymnus können sie jedoch nicht verglichen werden, vielmehr deuten sie auf Hildegards Sequenzenform hin. Formal sind sie die freiesten Gesänge.

Die Frage, ob Hildegard bewusst tonmalerische Effekte einbringen wollte, lässt sich kaum eindeutig beantworten. Nur mit großer Zurückhaltung wird man nachträglich Melismen und große Intervalle als Textinterpretationen deuten können.
Auch über mögliche zeitgenössische Vorbilder, die Hildegard zu ihren Kompositionen veranlasst haben könnten, lässt sich nichts Endgültiges sagen, da es an dem dazu erforderlichen Vergleichsmaterial der Spätgregorianik fehlt.

Wenn die Meisterin vom Rupertsberg sich in all ihren Schriften formal und inhaltlich als eigenständig-schöpferisch erweist, da sie ihre Aussagen aus der Schau des „lebendigen Lichtes“ gewinnt, so darf man dies auch von ihren Gesängen annehmen. Das Feststellen von Besonderheiten und Eigentümlichkeiten dieser Musik kommt mehr einem rein äußerlichen Ertasten gleich, das nur materielle Beschaffenheit aufzeigen kann. Zum eigentlichen Erlebnis wird erst das gesungene Lied selbst, dem der Versuch auf dieser CD dienen möchte.

So einmalig dieses Musikwerk dasteht, so sieht Hildegard es dennoch nicht als ihr eigenes Werk an, denn sie ist „ständig mit zitternder Furcht erfüllt, ohne Sicherheit des Könnens“. Gott selbst muss erst ein „kleines Zelt“ (Hildegard) „berühren, damit es Wunderbares schaue und in vielfältiger Weise besinge“. Unmittelbar erfährt sie sich als Licht und Klang, als Instrument Gottes. Ja, sie ist die „Posaune, die den Ton zwar erklingen lässt, ihn aber nicht selbst hervorbringt. Ein anderer bläst hinein, damit sie töne“.

Maria-Immuculata Ritscher OSB

Hildegard von Bingens Gesänge

Hildegard von Bingen, Liederband (LB)

De sancta Maria Antiphona

Cum processit factura digiti Dei formata ad imaginem Dei, in ortu mixti sanguinis per peregrinationem casus Adae, elementa susceperunt gaudia vitae, o laudabilis Maria, caelo rutilante et in laudibus sonant te.

An Maria Antiphon (LB No. 8)

Die Gottes Finger schuf, geformt nach seinem Bild, die aus gemischtem Blut Gezeugten, sie zogen auf dem Pilgerweg von Adams Fall dahin, da schimmerte der Himmel rötlich auf, die Elemente nahmen Lebenswonne auf, sie brausen Ruhm dir zu, Maria, Lob sei dir!

De sancta Maria Antiphona

Cum erubuerint infelices in progenie sua, procedentes in peregrinatione casus, tunc tu clamas clara voce, hoc modo homines elevans de isto malitioso casu.

An Maria Antiphon (LB No. 9)

Als die Unglückseligen in ihren Geschlechtern errötend, im Elend des Falles dahinschritten, da rufst du sie mit heller Stimme und richtest so die Menschen auf von ihrem heillos tiefen Fall.

De sancta Maria Antiphona

0 frondens virgo, in tua nobilitate stans sicut aurora procedit. Nunc gaude et laetare et nos debiles dignare a mala consuetudine liberare, atque manum tuam porrige ad erigendum nos.

An Maria Antiphon (LB No. 10)

O grünend Reis, du stehst in deinem Adel da, so wie die Morgenröte sich erhebt. Nun freue dich und juble, befreie uns Schwache gnädiglich von dem gewohnten Bösen, und strecke deine Hände aus, uns aufzurichten.

De sancta Maria Hymnus

Ave, generosa, gloriosa, et intacta puella. Tu pupilla castitatis, tu materia sactitatis, quae Deo placuit. Nam haec superna infusio in te fuit, quod supernum Verbum in te carnem induit. Tu candidum lilium, quod Deus ante omnem creaturam inspexit. O pulcherrima et dulcissima, quam valde Deus in te delectabatur, cum amplexionem caloris sui in te posuit, ita quod Filius eius de te lactatus est. Venter enim tuus gaudium habuit, cum omnis caelestis symphonia de te sonuit, quia, Virgo, Filium Dei portasti, ubi castitas tua in Deo claruit. Viscera tua gaudium habuerunt, sicut gramen, super quod ros cadit, cum ei viriditatem infudit, ut et in te factum est, o Mater omnis gaudii. Nunc omnis ecclesia in gaudio rutilet ac in symphonia sonet propter dulcissimam Virginem et laudabilem Mariam, Dei Genetricem. Amen.

An Maria Hymnus (LB No.12)

Sei gegrüßt, o Jungfrau, edel, ruhmreich und ganz heil, Augenstern der Keuschheit, Urgrund du der Heiligkeit, Gottes Wohlgefallen! Denn die Kraft des Höchsten strömte in dich ein, weil Gottes Wort in dir sich kleidete in das Gewand des Fleisches. Du strahlendweiße Lilie, die Gott vor aller Kreatur erblickt hat. Schönste du und Lieblichste, o, wie sehr hat Gott sich an dir entzückt, da er seiner Glut Umarmung so in dich gesenkt, dass sein Sohn von dir sich nährte. Voller Freude war dein Leib, da alle Symphonie des Himmels über dich erklang, weil du, Jungfrau, Gottes Sohn getragen und deine Keuschheit hell in Gott erstrahlte. Und dein Schoß frohlockte gleich dem Gras, auf das der Tau sich senkt, wenn er ihm die Kraft zum Grünen eingegossen. So war es auch in dir, o Mutter aller Freude. Die ganze Kirche strahlte nun in Freudenröte, klinge auf in Symphonie, ob der liebevollen Jungfrau, ob Maria hochgepriesen, Gottesmutter. Amen.

De sancta Maria Sequentia

O virga ac diadema purpurae regis, quae es in clausura tua sicut lorica. Tu frondens floruisti in alia vicissitudine quam Adam omne genus humanum produceret. Ave, ave, de tuo ventre alia vita processit, qua Adam filios suos denudaverat. O flos, tu non germinasti de rore nec de guttis pluviae, nec aer desuper te volavit, sed divina claritas in nobilissima virga te produxit. O virga, floriditatem tuam Deus in prima die creaturae suae praeviderat.
Et de Verbo suo auream materiam, o laudabilis Virgo, fecit.
O quam magnum est in viribus suis latus viri, de quo Deus formam mulieris produxit, quam fecit speculum omnis ornamenti sui et amplexionem omnis creaturae suae. Inde concinunt caelestia organa, et miratur omnis terra, o laudabilis Maria, quia Deus te valde amavit. O quam valde plangendum et lugendum est, quod tristitia in crimine per consilium serpentis in mulierem fluxit. Nam ipsa mulier, quam Deus matrem omnium posuit, viscera sua cum vulneribus ignorantiae decerpsit et plenum dolorem generi suo protulit. Sed, o aurora, de ventre tuo novus sol processit, qui omnia crimina Evae abstersit et maiorem benedictionem per te protulit quam Eva hominibus nocuisset. Unde, o salvatrix, quae novum lumen humano generi protulisti, collige membra Filii tui ad caelestem harmoniam..

An Maria Sequenz (LB No.1)

O Reis und Diadem im königlichen Purpur, verschlossen bist du, einer Rüstung gleich. Du grünst und blühst auf andere Art als Adam, der den Menschen das Leben gab. Ave, ave, aus deinem Schoß erstieg das neue Leben, da Adam seinen Kindern das Leben entzog. O Blüte, du, nicht Tau noch Regen noch Windeswehn bist du entsprossen, denn Gottes Herrlichkeit hat dich am edlen Reis erweckt. O Reis, dein Blühn hat Gott vorausgeschaut am ersten Tage seiner Schöpfung.
Aus seinem Wort erschuf er die goldene fruchtbare Fülle, o Jungfrau, Lob sei dir!
Wie groß, wie kraftvoll ist des Mannes Seite! Aus ihr gab Gott der Frau Gestalt, zum Spiegel seiner Schönheit schuf er sie, zur Mutter, die umfängt all seine Kreatur. Darob ertönen die Harfen des Himmels, der ganze Erdkreis staunt, Maria, Lob sei dir, weil Gott so sehr dich liebte. Ach, welcher Schmerz, o, welche Trauer, da durch die List der Schlange der Sünde Not die Frau befiel. Denn sie, die Gott zur Mutter aller hat gesetzt, sie schlug ihr Herz mit Wunden eitlen Tuns, gebar das tiefste Leid den Menschenkindern. Doch aus deinem Schoß, o Morgenrot, stieg auf die neue Sonne, die alle Sünden Evas tilgte. Und reicher strömt durch dich der Segen als Eva hätte schaden können. Darum, o Retterin, die du das neue Licht dem menschlichen Geschlecht geboren, sammle in eins die Glieder deines Sohnes zur Harmonie des Himmels.

Caritas abundat Antiphona
(De Spiritu Sancto)

Caritas abundat in omnia de imis excellentissima super sidera, atque amantissima in omnia, quia summo regi osculum pacis dedit.

Die Liebe überflutet das All Antiphon
(Vom Heiligen Geist) (LB No. 16)

Die Liebe überflutet das All von der Tiefe bis hoch zu den Sternen, und allem ist sie liebend zugetan, da sie dem höchsten König den Friedenskuss gab.

O pastor animarum Antiphona
(Ad Christum)

O pastor animarum, et o prima vox, per quam omnes creati sumus, nunc tibi, tibi placeat, ut digneris nos liberare de miseriis et longuoribus nostris.

O Hirt der Seelen Antiphon (LB No. 61)
(An Christus)

O Hirt der Seelen, o Urwort, durch das wir alle erschaffen sind! Du, du sei nun geneigt, uns zu befreien aus unserm Elend, unserm Siechtum!

De sancta Maria Responsorium

O quam pretiosa est virginitas Virginis huius, quae clausam portam habet, et cuius viscera sancta divinitas calore suo infudit, ita quod flos in ea crevit, et Filis Dei per secreta ipsius quasi aurora exivit. Unde dulce germen, quod ipsius Filius est, per clausuram ventris eius paradisum aperuit. Et Filius Dei per secreta ipsius quasi aurora exivit.

An Maria Responsorium (LB No. 63)

O, wie kostbar ist die Unberührtheit dieser Jungfrau! Ihre Pforte war verschlossen, die heilige Gottheit hat mit ihrer Glut ihren Schoß durchflutet, so dass aus ihr die Blüte wuchs. Und Gottes Sohn ging aus ihrem Schoß hervor gleichwie das Morgenrot. Der zarte Spross, ihr Sohn, hat so durch den verschlossenen Schoß uns das Paradies geöffnet. Und Gottes Sohn ging aus ihrem Schoss hervor gleichwie das Morgenrot.

Kyrie

Kyrie eleison.
Christe eleison.
Kyrie eleison.

Kyrie (LB No. 69)

Herr, erbarme dich unser!
Christus, erbarme dich unser!
Herr, erbarme dich unser!

Ordo Virtutum

Patriarchae et Prophetae: Qui sunt hi, qui ut nubes?
Virtutes: O antiqui sancti, quid admiramini in nobis? Verbum Dei clarescit in forma hominis, et ideo fulgemus cum illo, aedificantes membra sui pulchri corporis.
Patriarchac et Prophetae: Nos sumus radices et vos rami, fruchtus viventis oculi, et nos umbra in illo fuimus.

Aus dem Spiel der Kräfte (LB S. 165 f.)

Die Patriarchen und Propheten: Wer sind diese, den Wolken gleich?
Die Kräfte: O ihr Heiligen des Alten Bundes, was staunt ihr uns an? Gottes Wort erstrahlt in Menschengestalt. Da wir die Glieder seines schönen Leibes bauen, leuchten wir mit ihm.
Die Patriarchen und Propheten: Wir sind die Wurzeln, ihr seid die Zweige, Früchte seid ihr des lebendigen Auges. Wir waren nur der Schatten in ihm.

Castitas

O virginitas, in regali thalamo stas. O quam dulciter ardes in amplexibus regis, cum te sol perfulget, ita quad nobilis flos tuus numquam cadet.
O virgo nobilis, te numquam inveniet umbra in cadente flore.

Die Keuschheit (LB S. 80)

O Jungfräulichkeit, du stehst im königlichen Brautgemach. O, wie sanft erglühst du in der Umarmung des Königs, da die Sonne dich durchflutet. So wird deine strahlende Blüte nie welken.
O edle Jungfrau, nie wird dich streifen der Schatten fallender Blüte.

Virtutes Antiphona

O Pater omnipotens, ex te fluit fans in igneo amore, perduc filios tuos in rectum ventum velorum aquarum, ita ut et nos eos hoc modo perducamus in caelestem Ierusalem.

Die Gotteskräfte Antiphon (LB S. 202 f.)

Allmächtiger Vater, aus dir ergießt sich wie Feuersglut der Liebe Quell. Führe du das Steuer deiner Kinder, lass rechten Wind die Segel schwellen. Nur dann vermögen auch wir sic heim zu geleiten ins himmlische Jerusalem.

Gregorianisch

Antiphona ad Magnificat

Hildegardis prophetissa, Spiritus Sancti splendoribus illustrata, vias Domini revelavit.

Magnificat (Lc.1,46–55)

Magnificat anima mea Dominum. Et exsultavit spiritus meus in Deo salutari meo.
Quia respexit humilitatem ancillae suae, ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes.

Quia fecit mihi magna qui potens est, et sanctum nomen eius.
Et misericordia eius a progenie in progenies, timentibus eum.
Fecit potentiam in brachio sui, dispersit superbos mente cordis sui.

Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.
Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes.
Suscepit Israel puerum suum, recordatus misericordiae suae.
Sicut locutus est ad patres nostros, Abraham et semini eius in saecula.
Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Amen.

Antiphona ad Benedictus
Sponsa Christi Hildegardis doctrinae salutaris lampade sanctam illuminavit Ecclesiam.

Antiphon zum Magnificat

Hildegard, die Prophetin, vom Licht des Heiligen Geistes erleuchtet, hat die Wege des Herrn offenbart.

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.

Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.

Antiphon zum Benedictus
Hildegard, die Braut Christi, hat mit dem Licht der Heilslehre die heilige Kirche erleuchtet.

In I Vesperis Hymnus
Ex Officio in hon. S. Hildegardis (auctore Maura Böckeler † 1971)

Rex immortalis gloriae
Qui lumen es de lumine,
Effulgens mundi vespere
Sub corporis velamine.

Te Hildegardis hodie
Patris ad aulam sequitur,
Plenaque sponsae promicat
Lucis viventis visio.

Quae pura fide contuens
Viam scivit mirabilem,
Qua tu de caelo veniens
Sponsam quaesist(i) ecclesiam.

Amoris hoc mysterium
Verbis pandit propheticis,
Castis expressit moribus,
Celsis nunc sapit fructibus.

Iugata tibi sanguine
Virgo parens ecclesia,
Ut esset sine macula
Zelavit sponsa fervida.

Nunc clara voce satagat
Ut tuo pulsi Flamine
Te viam, lucem, Filium
Lacti sequamur ad Patrem.

Tibi cum Patr(e) et Spiritu
Laus concanora vocibus
Integritas sit mentium
Et nunc et in perpetuum.
Amen.

In der 1. Vesper Hymnus
Aus dem Offizium zu Ehren der hl. Hildegard (von Maura Böckeler † 1971)

König der unvergänglichen Herrlichkeit,
du bist Licht vom Licht,
das aufleuchtet am Abend der Welt
unter der Hülle des Leibes.

Dir folgt heute Hildegard
zur Königshalle des Vaters.
Die volle Schau des lebendigen Lichtes
leuchtet der Braut auf.

In reinem Glauben schauend
wusste sie den wunderbaren Weg,
auf dem du, vom Himmel kommend,
die Kirche, deine Braut, gesucht hast.

Dies Geheimnis der Liebe
erschloss sie mit prophetischen Worten,
erwies es durch reinen Wandel,
verkostet es jetzt in himmlischen Früchten.

Dass die durch Blut
dir angetraute Jungfrau-Mutter Kirche
ohne Makel sei, dafür eifert
die glühend liebende Braut.

Nun dränge sie uns mit lauter Stimme,
dass wir, angetrieben von deinem Geist,
dir, dem Weg, dem Licht, dem Sohn,
froh zum Vater folgen.

Dir, mit dem Vater und dem Geist
sei einstimmiger Lobgesang,
Lauterkeit der Herzen,
jetzt und in Ewigkeit.
Amen.

Die aufgeführten Texte wurden in Ergänzung zu dem Buch beigelegter CD „Himmelsklang für die Seele“ mit freundlicher Lizenz von Bayer-Records, Bietigheim-Bissingen (BR 100 116) copyright: www.bayermusicgroup.de veröffentlicht.

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»Himmelsklang für die Seele«

Bilder, Lieder, Meditationen

»Die Liebe überflutet das All von der Tiefe bis hoch zu den Sternen.«
Aus einer Antiphon der Hl. Hildegard von Bingen

Die Kirchenlehrerin und Ordensfrau Hildegard von Bingen (1098–1179) galt bereits in ihrer Zeit als begnadete Komponistin und Dichterin. Der Zeitgenosse Odo von Paris schreibt über sie: „Man sagt, dass du, erhoben in den Himmel, vieles siehst und Weisen eines neuen Liedes hervorbringst, obwohl du es nicht erlernt hast.“ Hildegard selbst nennt ihre Musik eine „Symphonie der Harmonie himmlischer Offenbarung“.

In diesem Buch finden Sie bekannte Gesänge der heiligen Hildegard, darunter das „Ave, generosa, gloriosa“, das „Magnificat“ und „Patriarchae et Prophetae“. Stimmungsvolle Klosterfotografien und Illustrationen der Äbtissin untermalen die lyrische Schönheit der Antiphonen, Responsorien, Hymnen und Sequenzen.

Dem Buch »Himmelsklang für die Seele. Bilder, Lieder, Meditationen« ist eine CD beigefügt, auf der Sie bekannte Gesänge der heiligen Hildegard finden: das „Ave, generosa, gloriosa“, das „Magnificat“, „Patriarchae et Prophetae“ u.v.m. Die Antiphonen, Responsorien, Hymnen und Sequenzen wurden von der Schola der Abtei St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen unter der Leitung von M. Immaculata Ritscher OSB eingesungen.

Himmelsklang für die Seele
Hildegard von Bingen

Dieses Set bringt Ihnen die wunderschönen Kompositionen und Lieddichtungen der Hildegard von Bingen näher. Auf der CD können Sie den bekanntesten Werken Hildegards lauschen, während das Buch Ihnen fundierte Informationen liefert.

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