Hildegard von Bingen als Prophetin und Mystikerin

Hildegard gilt nicht nur als „Posaune Gottes“, sondern auch als die „Prophetin der Deutschen“. Am Ende des 20. Jahrhunderts, also 900 Jahre nach ihrem Tod, wurden sowohl Hildegards Ernährungslehre als auch ihr ganzheitliches mystisches Lebenskonzept neu entdeckt.

Hildegards Visionen

Der Überlieferung nach begann Hildegards visionäre Begabung bereits im Alter von drei Jahren, als sie ein überaus helles Licht sah. Seit diesem Erlebnis wurde sie regelmäßig Zeuge von Schauungen, die sich mitten im Alltag ohne den Verlust des Wachbewusstseins ereignen konnten. Über den Inhalt ihrer Visionen sprach Hildegard als Kind recht unbefangen, denn sie dachte zunächst, dass alle Menschen an ihren Erlebnissen Anteil nahmen. Als Sie gewahr wurde, dass nur sie diese Gabe hatte, wurde sie vorsichtiger. Die Entscheidung der Eltern, das Mädchen in die Obhut eines Klosters zu geben, resultierte auch von ebendieser visionären Begabung her.
Jutta von Spanheim, ihre Mentorin im Kloster, sorgte dafür, dass sie einen geeigneten Lehrer bekam, den Disibodenberger Mönch Volmar. Dieser begleitete sie fortan während ihrer Ausbildung und ermutigte sie später, ihre Visionen zu verschriftlichen. Ihr erstes Visionswerk, welches sie aufschrieb war das „Liber Scivias“, dem eine Reihe weiterer Schriften folgten. Hildegard empfand die Niederschrift als einen göttlichen Auftrag und wurde krank, als sie sich anfangs weigerte, diesem Auftrag nachzukommen.

Art und Weise ihrer Schauungen

Hildegard wurde von einem strahlenden Licht wie ein Blitz getroffen und vernahm dabei eine innere Stimme, die folgendes sagte: „Schreibe auf, was du siehst, und sage, was du hörst!“ Hildegard beschreibt die Visionen weiter als ein Emporsteigen ihres Geistes zu Gott, wobei der göttliche Impuls wie blitzendes und feuriges Licht ist, welches aus dem offenen Himmel herabkommt. Visionen: „Was ich schreibe, das schaue und höre ich in der Vision und setze keine anderen Worte als die, die ich höre.“ Art der Schauungen: „Die Gesichte aber, die ich sah, empfing ich nicht im Traum, nicht im Schlaf oder in Geistesverwirrung, nicht durch die leiblichen Augen oder die äußeren menschlichen Ohren, auch nicht an abgelegenen Orten, sondern ich erhielt sie in wachem Zustand, bei klarem Verstand, durch die Augen und Ohren des inneren Menschen, an zugänglichen Orten, wie Gott es wollte“ (aus der Einleitung des „Liber Scivias“ (= Wisse die Wege). Mittelpunkt ihrer Visionen: Gott steht als eine gewaltige, ruhende Erscheinung, welche die Gestalt des Kosmos annimmt, um auf diese Weise das Universum als Schöpfung darzustellen. Vor ihm erscheinen folgende Bilder:

  • die Gestirne Sonne und Mond in einer Lichtwolke
  • die Schar der Seligen in einer Sturmwolke, welche auf ihre ewige Heimat warten
  • der Chor der Feuergeister in einer Feuerwolke, der dem lasterhaften Trubel der Welt die himmlische Antwort gibt
  • Geheimnisse: „Gott kann nicht direkt geschaut werden. Er wird vielmehr durch die Schöpfung erkannt. Wo aber im Menschen die Frage nicht ist, da ist auch keine Antwort des heiligen Geistes.“
  • Kernsatz: „Liebe erschuf die Welt – die Liebe hat sie geheilt.“
  • Erleuchtung: „Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. … Solange ich es schaue, wird alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen.“
  • Ein Motto: „Erkenne die Verflechtungen des Schöpfers mit seiner Schöpfung, begreife die Einheit der kosmischen Geheimnisse, die Kraft der Kirche und der Sakramente.“

Quelle: Seewald, Peter: Kult; München 2007, 73.

Inhalt von Hildegards Mystik

Im Allgemeinen wird unter der christlichen Mystik die Versenkung in Form von Askese, Kontemplation und Meditation verstanden, um auf diese Weise die Trennung zwischen dem menschlichen Ich und dem göttlichen Sein zu überwinden. Das letzte Ziel dieser Handlungen ist die Vereinigung mit dem göttlichen Urgrund (Unio mystica), was als höchste Form der Frömmigkeit angesehen wird.
Die Mystik der heiligen Hildegard von Bingen liegt in deren engen Verbundenheit mit der Kirche und ist zugleich das Ergebnis ihrer Visionen, die sie ihr Leben lang begleitet haben. Letztere können gleichsam als das Spezifikum von Hildegards Gotteserfahrung bezeichnet werden. Die mystischen Erlebnisse, die sie in ihren Werken beschrieben hat, sind somit nicht theoretischer Natur, sondern beruhen auf eigener Erfahrung.
Laut ihren Visionen ist die Welt eine vielschichtige Schöpfung, die in ständiger Weiterentwicklung begriffen ist. Dabei ist die Welt auf den Menschen hin ausgerichtet und diesem von Gott zum verantwortungsvollen Umgang überlassen. Gott selbst umfasst alles, weil er das Ganze und das Ganze sein Werk ist. Der Mensch hat die Aufgabe sich einerseits um die Pflege der irdischen Dinge zu kümmern, soll aber andererseits auch nicht das Göttliche vernachlässigen. Nach Hildegard trägt der Mensch neben dem Wissen über Gut und Böse auch Gottesfurcht sowie Gottesliebe in sich. Zudem ist er von Natur aus gut geschaffen, aber nicht jeder kann die mystische Einheit mit Gott erlangen, da dies den Auserwählten vorbehalten ist.

Quelle:

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